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…er entschloss sich, auch diese mühsame Reise in
Angriff zu nehmen. Man brauchte damals zwei Tage um 1.000 km zurückzulegen. Die
Autobahn von Neapel reichte bis Padova und von dort ging es auf eher schlechter
Staatsstrasse weiter bis ins Pustertal. Wir waren fünf, mein Vater, meine
Mutter, mein Bruder, meine Schwester und ich. Unser „Fiat Millecinque“, auf dem
Dach vollbepackt mit Koffern und Fahrrädern, erlaubte natürlich alles eher als
ein zügiges Fahren. Erster Stopp mit Übernachtung wurde in Padova eingelegt. Am
nächsten Morgen ging es – nach einem Morgengebet zum hl. Antonius- endlich
weiter bis nach St. Sigmund. Mein Onkel besorgte uns eine Unterkunft. Es
regnete, wir fanden unser Haus nicht, kaum jemand sprach Italienisch.
Wäre unser Onkel nicht gewesen?? Er führte uns zu
einer Signora, die uns drei Zimmer mit Küche im ersten Stock vermietete. Es
entwickelte sich schnell ein herzlicher, respektvoller Umgang miteinander. Und
für mich noch etwas mehr: jene Frau ist heute noch meine „Ersatz-Oma“. Die
Zeiten waren damals etwas kritisch. Im Dorf gab es wenig Komfort, das Klima in
Südtirol war etwas angespannt. Für uns gab es nie Probleme, auch wenn es nicht
immer leicht war, sich zu verständigen. Wir fühlten uns schnell zu Hause. Fast
täglich führte uns der Feldweg hinter unserem Haus zur kleinen Pension an der
Hauptstrasse, wo wir köstliche Mahlzeiten genossen. Heute gibt es jene Pension
nicht mehr. Nur meine Erinnerungen sind geblieben. Die Erinnerungen an einen
Ort, an dem ich mit meinen Geschwistern und anderen Kindern so viel gespielt und
unweigerlich auch gestritten habe, an dem ich Freundschaften geschlossen habe,
an dem ich groß geworden bin.

In den ersten Jahren unseres Pustertal -Aufenthalts
gab es noch wenige touristisch organisierte Ausflüge. Wir unternahmen fast
täglich Wanderungen, Besichtigungen, Spaziergänge in dieser unbeschreiblich
schönen Landschaft. Wir kauften die Milch, die Butter, den Honig, die Marmelade,
den Speck und vieles andere mehr direkt am Bauernhof. Jeder kann sich
vorstellen, wie einzigartig und köstlich das für uns schmeckte.
Ich erinnere mich auch an den einzigen Fernsehkanal „Canale
nazionale“, den man damals im Dorf empfangen konnte. Die Stromschwankungen waren
derart heftig, dass elektrische Geräte nur erschwerlich funktionierten. Bei
schlechtem Wetter geschah dies sehr häufig, obwohl St. Sigmund zusätzlich ein
kleines privates E- Werk besaß.
Es gab wenig asphaltierte Strassen und es verkehrte
noch die gute alte Lock. Auch telefonieren war ein schwieriges Unterfangen. Aber
die Ruhe, die Gemütlichkeit waren unbeschreiblich und ersetzten jede
Unbequemlichkeit und jeden Mangel. Täglich waren wir auf Pilzesuche, was dann
schließlich auch die angebrachte Ausrüstung und Bekleidung erforderte. Wir
kauften uns Bergschuhe, Stöcke, kurze Lederhosen, Tirolerhüte und „Sarnerjoppilan“.
So „verkleidet“ zogen wir durch die Wälder.
Viele Jahre sind inzwischen vergangen. Jedes Jahr,
ohne einer einzigen Unterbrechung, bin ich nach St. Sigmund zurückgekommen. Und
niemals allein- alle wollten St. Sigmund kennen lernen, Verwandte, Bekannte,
Freunde und auch meine Frau. Ich habe wertvolle Freundschaften geschlossen in
diesem Dorf im Pustertal, wenn auch mit den Jahren viele davon leider nur noch
in meinen Gedanken gegenwärtig sind. Ich kehre immer wieder voller Sehnsucht
zurück, die vielen Freunde und Bekannten wieder zu sehen, ein paar erholsame
Wochen zu verbringen und meine „Oma“ zu umarmen.
Grundtext: Flavio Boccagna |