…er entschloss sich, auch diese mühsame Reise in Angriff zu nehmen. Man brauchte damals zwei Tage um 1.000 km zurückzulegen. Die Autobahn von Neapel reichte bis Padova und von dort ging es auf eher schlechter Staatsstrasse weiter bis ins Pustertal. Wir waren fünf, mein Vater, meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester und ich. Unser „Fiat Millecinque“, auf dem Dach vollbepackt mit Koffern und Fahrrädern, erlaubte natürlich alles eher als ein zügiges Fahren. Erster Stopp mit Übernachtung wurde in Padova eingelegt. Am nächsten Morgen ging es – nach einem Morgengebet zum hl. Antonius- endlich weiter bis nach St. Sigmund. Mein Onkel besorgte uns eine Unterkunft. Es regnete, wir fanden unser Haus nicht, kaum jemand sprach Italienisch. Jahr 1970 (St. Sigmund - Pustertal - Bozen - Sudtirol)Wäre unser Onkel nicht gewesen?? Er führte uns zu einer Signora, die uns drei Zimmer mit Küche im ersten Stock vermietete. Es entwickelte sich schnell ein herzlicher, respektvoller Umgang miteinander. Und für mich noch etwas mehr: jene Frau ist heute noch meine „Ersatz-Oma“. Die Zeiten waren damals etwas kritisch. Im Dorf gab es wenig Komfort, das Klima in Südtirol war etwas angespannt. Für uns gab es nie Probleme, auch wenn es nicht immer leicht war, sich zu verständigen. Wir fühlten uns schnell zu Hause. Fast täglich führte uns der Feldweg hinter unserem Haus zur kleinen Pension an der Hauptstrasse, wo wir köstliche Mahlzeiten genossen. Heute gibt es jene Pension nicht mehr. Nur meine Erinnerungen sind geblieben. Die Erinnerungen an einen Ort, an dem ich mit meinen Geschwistern und anderen Kindern so viel gespielt und unweigerlich auch gestritten habe, an dem ich Freundschaften geschlossen habe, an dem ich groß geworden bin. Jahr 1969 (San Sigismondo - Val Pusteria - Alto Adige)

In den ersten Jahren unseres Pustertal -Aufenthalts gab es noch wenige touristisch organisierte Ausflüge. Wir unternahmen fast täglich Wanderungen, Besichtigungen, Spaziergänge in dieser unbeschreiblich schönen Landschaft. Wir kauften die Milch, die Butter, den Honig, die Marmelade, den Speck und vieles andere mehr direkt am Bauernhof. Jeder kann sich vorstellen, wie einzigartig und köstlich das für uns schmeckte.

Ich erinnere mich auch an den einzigen Fernsehkanal „Canale nazionale“, den man damals im Dorf empfangen konnte. Die Stromschwankungen waren derart heftig, dass elektrische Geräte nur erschwerlich funktionierten. Bei schlechtem Wetter geschah dies sehr häufig, obwohl St. Sigmund zusätzlich ein kleines privates E- Werk besaß. Es gab wenig asphaltierte Strassen und es verkehrte noch die gute alte Lock. Auch telefonieren war ein schwieriges Unterfangen. Aber die Ruhe, die Gemütlichkeit waren unbeschreiblich und ersetzten jede Unbequemlichkeit und jeden Mangel. Täglich waren wir auf Pilzesuche, was dann schließlich auch die angebrachte Ausrüstung und Bekleidung erforderte. Wir kauften uns Bergschuhe, Stöcke, kurze Lederhosen, Tirolerhüte und „Sarnerjoppilan“. So „verkleidet“ zogen wir durch die Wälder.

Viele Jahre sind inzwischen vergangen. Jedes Jahr, ohne einer einzigen Unterbrechung, bin ich nach St. Sigmund zurückgekommen. Und niemals allein- alle wollten St. Sigmund kennen lernen, Verwandte, Bekannte, Freunde und auch meine Frau. Ich habe wertvolle Freundschaften geschlossen in diesem Dorf im Pustertal, wenn auch mit den Jahren viele davon leider nur noch in meinen Gedanken gegenwärtig sind. Ich kehre immer wieder voller Sehnsucht zurück, die vielen Freunde und Bekannten wieder zu sehen, ein paar erholsame Wochen zu verbringen und meine „Oma“ zu umarmen.

 

Grundtext: Flavio Boccagna